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Neu- und Umbau eines Modehauses

Maßnahmen
Architektur, Innenarchitektur, Raumkommunikation, Visual Merchandising
Verkaufsfläche
rund 9.000 Quadratmeter
Fotografie
Fabian Aurel Hild, Frankfurt am Main
Kunde
Modehaus Garhammer GmbH
Auszeichnungen
Stores of the year
Iconic Awards 2014

 




Basisdaten zum Objekt

Lage des Objekts Waldkirchen
Objektkategorie Gewerbebau
Objektart Kaufhäuser
Art der Baumaßnahme Neubau

Vielschichtiges Trading-up

Mit der wohl umfangreichsten Um- und Neubauaktion in der über hundertjährigen Geschichte des Familienunternehmens Garhammer haben die Architekten und Innenarchitekten von Blocher Blocher Partners die vielschichtige Handelsimmobilie in Waldkirchen in drei Bauabschnitten behutsam vergrößert, im Bestand verdichtet – und nach Norden um einen rund 2.500 Quadratmeter großen Neubau erweitert, der über verschiedene gläserne Skyways an den Altbau andockt. Das Ergebnis sind nunmehr 9.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, die sich zwischen Marktplatz und Ringmauerstraße über bis zu vier Etagen erstrecken. Wegen der abschüssigen Topografie von Waldkirchens Innenstadt folgt das Raumprogramm den natürlichen Gegebenheiten des Grundstücks. Nach dem Prinzip der Split-Level-Bauweise sind eine Vielzahl versetzt zueinander angeordneter Ebenen entstanden, die höchst individuell bespielt werden. Wenn man so will: Die unter Ensembleschutz stehende Altstadt mit ihren Plätzen, Gassen und Treppen findet in der Gestaltung des neuen Garhammer ihr Pedant.

Für die Fassade des Neubaus standen die Architekten in intensivem Austausch mit Behördenvertretern, um für die Erweiterung die ortstypische Formsprache zu wahren, vor allem die charakteristische Giebelstruktur am Marktplatz. Südwestlich des Areals galt es, die dort verlaufende, erhaltenswürdige Stadtmauer beim Umbau des Gründingerhauses harmonisch in den Komplex zu integrieren. Alt und Neu stehen nun versöhnlich nebeneinander. Giebel und Gebäudekanten des Neubaus am Marktplatz interpretieren die dörfliche Geschichte erfrischend modern; die Gliederung der Fassade mit ihren verschieden großen Fensterelementen orientiert sich am abfallenden Gelände und nimmt die Typologie der Nachbarbebauung auf. Und der entkernte und mit einem zurückhaltenden Zeltdach versehene Gründinger-Turm erweist sich als ein mehr als würdiger Nachfolger, der zusammen mit dem neu errichteten Glaskubus die Adressbildung Garhammers entlang der Ringermauerstraße deutlich schärft.

Die Dachlandschaft verbindet Alt- und Neubau wie zwei Schmetterlingsflügel, ehe sich das Hauskonglomerat zur nordwestlichen Grundstücksgrenze im Anschluss an das neue Restaurant „Johanns" gefällig neigt. Das setzt sich bei den Erschließungsflächen fort, die Garhammer über viele Ein-, Aus- und Durchgänge beziehungsreich zum Stadtraum öffnen, was das Modehaus von allen Seiten erfahrbar macht. Das zeigt sich aber nicht zuletzt auch in seinem Inneren, wo der kreative Umgang mit den unterschiedlichen Raumhöhen, den verschiedenen Lufträumen und Verkaufslevels zu differenzierten Erlebniswelten führt.

Der Reiz des Neuen

Vieles ist anders geworden, schöner, großzügiger. Die Baby- und Kindermode ist von der Herrenbekleidung weggerückt und in den Neubau gewandert. Dafür kann nun das „starke Geschlecht" im gesamten Erdgeschoss des Bestandsgebäudes aus dem Vollen schöpfen. Den Damen bleibt das komplette erste Obergeschoss vorbehalten, inklusive der Neubauetage. Im zweiten Obergeschoss darf sich jetzt die Tag- und Nachtwäsche entfalten, darunter der neu geschaffene Premiumbereich sowie die Sportwäsche. Das Erdgeschoss vom Anbau – wegen des Geländeniveaus de facto Untergeschoss – ist für die Bereiche Damenschuhe, Damentaschen und Damenaccessoires reserviert.

Die Architekten und Innenarchitekten von Blocher Blocher Partners haben die Hanglage der Garhammer-Immobilie in bester Split-Level-Manier spielerisch in den Verkaufsprozess einbezogen. Natürlich gibt es Treppenhäuser und Aufzüge, der Reiz aber liegt in der Abkehr von der klassischen Stockwerksbauweise. Die Treppe als zentrales Verbindungselement verknüpft sämtliche Ebenen, wobei sie stilistisch variiert: mal einfacher Steg, mal mehrfach geknickte oder sanft geschwungene Treppe, mal Mini-Passerelle oder auch Skyway für den bequemen Übergang von Alt zu Neu. Das Ausmaß der „Luftraumüberbrückung" zeigt sich besonders eindrucksvoll im Neubau. Dort strebt ein an M.C. Escher erinnerndes Konstrukt aus Säulen, gewendelten Treppenläufen und Podesten vom Einrichtungsgeschäft „Freiraum" über die Taschen-, Kinder- und Damenabteilung dem Oberlicht im zweiten Obergeschoss entgegen. Auch im Bestandsgebäude zieht der Luftraum die Blicke auf sich, was auch damit zusammenhängt, dass der Weg zum lichten Erschließungskern durch einen Tunnel und eine verspiegelte Decke führt – hübsche Hell-Dunkel-Effekte sind programmiert.

Das Bistro am Fuße des Luftraums wurde bei der Umstrukturierung neu positioniert, ebenso der übergeordnete Laufweg. Er liegt als aufgewerteter Boulevard zwischen Haupteingang und dem berühmten Stehpult, das zu Garhammer gehört wie die „begleitenden" Modeberater oder das Glas Champagner beim Personal Shopping.

Beide Maßnahmen, Bistroverlagerung und die Boulevards im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss, dienen der verbesserten Kundenorientierung. Zusammen mit dem Platzgewinn beim vormals ungenutzten Eck an der Ringmauerstraße ergeben sich großzügige Verkaufsflächen, die sich klar zonieren und individuell im Sinne eindeutiger Kollektionsaussagen bespielen lassen.

Bodenständig auf Weltstadtniveau

Stellvertretend für die vielen stimmungsvollen Details seien genannt: Das Gründingerhaus als Scharnierbau der alten Stadtmauer, deren Natursteinmauerwerk Teile des Verkaufsraums durchzieht. Der geschossübergreifende Vorhang aus anthrazitfarbenen Lamellen, der den Luftraum im Haupthaus rahmt und mit großformatigen Wandgrafiken umso mehr zum Eyecatcher avanciert. Die hinterleuchteten Dreiecke über den Boulevards, die die Bedeutung als zentrale Erschließungsachse betonen. Die Kinderwelt im Neubau, die sich mit wilden Baumhaus-Konstruktionen, zartgrünen Tierfiguren, stilisierten Blätterleuchten, Wandgrafiken und Rutsche als großer Abenteuerspielplatz empfiehlt. Da ist das Junge Design mit seinen Raumteilern aus Messing, Schwarzstahl und in Rostoptik, in die fantasievolle Ornamente gefräst wurden. Da sind die hoch aufragenden Regalwände am Übergang vom ersten ins zweite Obergeschoss des Neubaus, bestens geeignet, um auf saisonale Themen aufmerksam zu machen; zumal die Ware von polygonalen, bronzefarbenen Aufsatzleuchten – wie vieles im Haus von Blocher Blocher Partners eigens gefertigt – perfekt inszeniert werden kann. Weitere Highlights: indonesische Bleche, vor deren Hintergrund ausgewählte Wäscheteile erst richtig zur Geltung kommen, florale Drucke in Tischoberflächen, Goldtapeten, Kapitelle aus geweißtem Holz und, und, und. Ob nun dekorativ oder konstruktiv – raffiniert komponierte Stilwelten, wohin man schaut (Raumkommunikation/Visual Merchandising: Blocher Blocher View).

Dass bei aller Faszination fürs Detail nie das große Ganze auf der Strecke bleibt, liegt auch am gelungenen Zusammenspiel zwischen Architektur und Innenarchitektur.

Zahlreiche Bezugspunkte machen es leicht, sich im Haus zurechtzufinden; sei es auf der Etage oder über die einzelnen Ebenen hinweg. So gibt es beispielsweise bestimmte Möbelstücke, die im Bereich der Treppenaufgänge stehen. Während die Vorderseite normal mit Ware bestückt ist, dient die Rückseite der grafischen Kundenansprache. Und noch etwas kehrt als Thematik ständig wieder im neuen Garhammer: Tradition und Moderne. Sie gehen beim Einrichtungskonzept Hand in Hand. Garhammer lebt diese Dualität vor, indem Mode auf Weltstadtniveau mit bayerischer Bodenständigkeit verkauft wird. Nur konsequent, dass sich auch das Johanns davon leiten lässt, die neue kulinarische Attraktion hoch oben im Neubau – mit Weincellier, Lounge, Restaurant und einer Dachterrasse, die einen sensationellen Ausblick verspricht.