„Es muss schön werden”: Star-Architekt Libeskind im Interview

Interessante Einblicke in seine Architektur

Das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, das Imperial War Museum North im Hafengelände von Manchester oder das Holocaust Namenmonument in Amsterdam - sie alle sind beeindruckende Bauwerke, die eins gemeinsam haben: Sie wurden von Stararchitekt Daniel Libeskind geplant. 1990 gelang dem gebürtigen Polen der Durchbruch. Der Bau des Jüdischen Museums in Berlin machte ihn weltberühmt. Heute lebt und arbeitet er mit seiner Frau Nina in New York. Während sie das Geschäftliche regelt, übernimmt er den kreativen Part in dem gemeinsamen Unternehmen, in dem rund 150 Mitarbeiter verteilt auf drei Büros in New York, Mailand und Zürich angestellt sind. Libeskinds Bauwerke sind geprägt von außergewöhnlichen Formen, die einen Diskurs anregen. Mit Architekten.de sprach Libeskind über seinen Beruf und seine Berufung.

Architekten.de: Herr Libeskind, viele Ihrer Projekte haben eine ganz besondere historische Bedeutung, etwa das Imperial War Museum North im Hafengelände von Manchester oder das Jüdische Museum in Berlin. Wie passen kommerzielle Projekte wie etwa der Neubau im Düsseldorfer Kö-Bogen in dieses Raster?

Daniel Libeskind: Nichts ist unwichtig. Es gibt keinen Ort ohne Geschichte, wo man einfach machen kann, was man will. Jeder Ort spricht einen auf eine einzigartige Art und Weise an. Jeder Ort braucht seine spezifische Identität, und deshalb hat auch der Kö-Bogen eine historische Bedeutung. Es geht darum, eine Stadt nach vorne zu bringen.

Worauf kommt es an, wenn man ein Gebäude plant?

Es muss schön werden. Es muss auf eine bestimmte Art und Weise kommunizieren und die Menschen ansprechen. Architektur ist eine Kunst der Kommunikation, nicht mit Worten, sondern mit Proportionen und einer Aura. Ein Gebäude besteht zwar aus Glas, Stahl, Beton und so weiter, aber es muss eine Geschichte erzählen.

Ist das freie Planen eines Gebäudes in Deutschland aufgrund verschiedener Vorschriften schwerer als beispielsweise in den USA?

An jedem Ort der Welt gibt es Schwierigkeiten, in Deutschland nicht mehr als anderswo. Das ist ein Gerücht. In Deutschland entsteht Architektur auf einem sehr hohen Level und ich arbeite sehr gerne dort. Es ist immer eine Herausforderung, weil die Erwartungen hoch und die Behörden sehr gründlich sind. Aber genau das führt zu guten Gebäuden. Deutschland sollte für seine gründliche Prüfung von Planungen bewundert werden, genauso wie für die Einbindung der Bevölkerung. Ich denke, das ist eine gute Sache in einer Demokratie.

Ist es immer noch aufregend für Sie, ein neues Gebäude zu planen oder ist das Routine geworden?

Es ist die aufregendste Sache der Welt, etwas verwirklichen zu können, von der Idee bis zum fertigen Gebäude. Wenn man ein Optimist ist wie ich, wie es jeder Architekt sein muss, dann liebt man die Herausforderung und die Vorstellung, etwas wirklich zu bauen und zu realisieren.

Wenn Sie auf Ihr bisheriges Schaffen als Architekt zurückblicken: Auf welches Ihrer Gebäude sind Sie besonders stolz?

Das Jüdische Museum in Berlin zu bauen war eine großartige Sache für mich, genauso wie zuletzt Ground Zero in New York mitzuplanen. Aber insgesamt macht es mich stolz, einen Beitrag zum täglichen Leben der Menschen leisten zu können, zu Bildung, zu Kultur. Mehr kann man sich gar nicht wünschen.

Was inspiriert Sie?

Ich liebe Städte. Ich habe viele Städte besucht und viele großartige Gebäude gesehen, die mich inspiriert haben. Aber auch Kunstwerke inspirieren mich, und besonders Musik. Ich höre immer den spezifischen Sound, die Musik eines Ortes. Architektur ist eine Kunst, und wie jede Kunst muss sie den Weg zum Herzen und zur Seele der Menschen finden.

Wie viel künstlerisches Talent steckt denn in Architektur und wie viel lässt sich einfach erlernen?

Wie jede Form von Kunst hat Architektur einen bestimmten Rahmen, funktional, technisch und ökonomisch. Dieser Rahmen beengt einen aber nicht, sondern er ist absolut notwendig. Je enger der Rahmen, desto mehr kommt die Kunst in der Architektur zur Geltung. Wenn einem jemand einfach nur einen Bauplatz und einen Haufen Geld gibt, wird daraus selten gute Architektur.

Wie wichtig sind denn die finanziellen Ressourcen für gute Architektur?

Sehr wichtig. Geld ist ein fundamentaler Bestandteil. Selbst ein kleines Gebäude kostet viel Geld. Aber Geld ist nicht alles. Man kann sehr viel Geld in ein Gebäude stecken und totales Mittelmaß dafür bekommen, wie man überall sehen kann. Man kann aber auch mit weniger finanziellen Mitteln etwas von großem Wert produzieren.

Was ist denn moderne Architektur für Sie?

Moderne Architektur ist die Renaissance, wieder zu entdecken, dass Architektur wichtig ist. Es macht einen Unterschied, was für Fenster ein Gebäude hat, wie viel Energie es verbraucht und wie es aussieht. Wir leben in einer Zeit, wo die Menschen das wieder für wichtig halten.

Sie sind 75 Jahre altgeworden. Wann verabschieden Sie sich in den Ruhestand?

(lacht) Für mich ist das, was ich mache, keine Arbeit. Es macht mir so viel Spaß, ich mache das, was ich gerne mache. Ich liebe Architektur, dieses Feld deckt alle meine Interessen ab. Man kann ein Maler sein, ein Musiker, ein Künstler.

Und wenn ein Kind zu Ihnen kommen würde und sagen würde: „Wenn ich groß bin, will ich Stararchitekt werden.“ – Was würden Sie ihm sagen, wie man einer wird?

Versuche nie, ein Stararchitekt zu sein – dann klappt es nämlich nicht. Tue das, woran du glaubst. Tue das, was du magst. Man muss seinen Weg gehen und ihm folgen, ohne sich nach rechts oder links ziehen zu lassen. Dann kann man an einen Ort gelangen, von dem man nie gedacht hätte, ihn jemals erreichen zu können. Das ist meine Erfahrung.


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