Meckenbeuren ist eine 13.500-Einwohner-Gemeinde im Bodenseekreis, unweit von Friedrichshafen. Seit neuestem beheimatet der Ort eine architektonische Besonderheit: Ein Einfamilienhaus für vier Personen nebst kleiner Einliegerwohnung, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht. Das zweigeschossige Holzhaus mit verputzter Fassade, geplant vom Architekturbüro Wamsler Architekten aus dem nahegelegenen Markdorf, liefert dank vollflächiger Photovoltaikmodule auf beiden Dachhälften etwa vier Mal so viel Strom wie dort insgesamt benötigt werden. Zugleich erfüllt das Gebäude die Kriterien des Passivhaus-Standards.

„Solar, Solar und nochmals Solar“ – laut dem Architekten und zertifizierten Passivhausplaner Martin Wamsler, der das Haus in Meckenbeuren entworfen hat, ist das das zentrale Element, wenn es um die Wärmeversorgung eines Passivhauses geht. „Wir müssen weg von den fossilen Brennstoffen.“ Damit befindet er sich auf einer Linie mit der Bundesregierung, die im Zuge der Energiewende den Energieverbrauch von Wohngebäuden bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent senken will. Die Klimaziele sind ambitioniert und erfordern einerseits erhebliche Sanierungsmaßnahmen in Bestandsbauten, um die Gebäude mit einer modernen Wärmedämmung zu versehen – und andererseits große Anstrengungen, um auch bei Neubauten noch energieeffizienter zu werden. Das eröffnet vor allem Passivhäusern ein großes Potenzial, verbrauchen sie doch kaum mehr Energie, als sie selbst erzeugen.

Das erste Passivhaus Deutschlands entstand 1991 in Darmstadt-Kranichstein. Es handelte sich dabei um eine Studie, die unter anderem vom Hessischen Umweltministerium begleitet wurde. Seither hat sich in der Fachwelt der Begriff „Passivhaus“ für all jene Häuser durchgesetzt, die pro Quadratmeter Wohnfläche im Jahr nicht mehr als 15 kW – den Gegenwert von 1,5 Liter Heizöl oder 1,5 Kubikmeter Erdgas – verbrauchen.

Das sind durchaus sensationelle Werte, und wer ein solches Haus besitzt, der spart bei den Heizkosten wirklich enorm. Doch der Begriff Passivhaus ist nicht gesetzlich geschützt und die Energiewerte, die ein Passivhaus erreichen soll, sind nirgendwo verbindlich geregelt. Der Verband Privater Bauherren (VPB) rät deshalb zur Vorsicht, wenn Bauträger und Schlüsselfertiganbieter mit Häusern werben, mit denen sich die Heizkosten angeblich auf Null reduzieren lassen würden. Aufgrund der fehlenden gesetzlichen Regelung könnten die Anbieter den Passivhausstandard ohne Haftungsrisiken versprechen – auch wenn am Ende die in der Fachwelt üblichen und anerkannten Werte nicht erreicht werden.

Bauherren sollten unbedingt darauf achten, dass neben dem Begriff „Passivhausstandard“ auch konkrete Heiz- und Verbrauchswerte im Bauvertrag garantiert werden, empfiehlt der Verbraucherschutzverband. Nur so könnten sie später überprüfen, ob sie tatsächlich ein Passivhaus bekommen hätten. Auf Nummer sicher geht, wer „einen guten und erfahrenen Planer nimmt, der sein Handwerk versteht und auch Referenzen hat“, betont Architekt Martin Wamsler. Der Preis sollte sicherlich nicht das erste Kriterium sein.

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Erheblich teurer als ein herkömmliches Einfamilienhaus ist ein Passivhaus ohnehin auch nur auf den ersten Blick: „Am Ende zahlt der Bauherr das gleiche und hat ein viel höherwertiges Haus“, sagt Alexander Robl, Architekt und zertifizierter Passivhausplaner aus Weiden in der Oberpfalz. Seine Rechnung geht so: Die Baukosten gegenüber einem Standardhaus sind zwar geringfügig höher – Fachleute gehen davon aus, dass der Mehrpreis für die Konstruktion von Bodenplatte, Außenwand und Dach im Vergleich zum Niedrigenergiehaus um etwa 5.000 Euro bis 10.000 Euro höher liegt, je nach Größe. Trotzdem braucht es unterm Strich nicht viel teurer zu sein: Investitionen für Heizungsanlage und Kamin, Tanks oder Anschlüsse entfallen, von den langfristigen Aufwendungen für Öl oder Gas einmal ganz zu schweigen. „Die gegenüber einem Standardhaus eingesparten Energiekosten fließen in die Finanzierung“, so Robl.

Auf Kosten von Behaglichkeit und Wohnkomfort geht das Wohnen in einem Passivhaus, das fast ohne Heizenergie auskommt, keinesfalls. Im Gegenteil: „In einem Passivhaus leben die Bauherren mit mehr Komfort als in einem normalen Haus“, sagt Robl. Dafür sorgen zum einen die weichen Faktoren: Wer mit dem guten Gewissen lebt, mit seinem Haus etwas für die Umwelt zu tun, fühlt sich auch besser. Gleiches gilt, wenn man sich unabhängig macht von Preissteigerungen für Energie. Es gibt aber auch ganz handfeste Dinge, die den Komfort im Passivhaus steigern: Die Fenster sind größer und lassen mehr Tageslicht ins Haus. „Und die Wandinnentemperaturen sind höher“, sagt Robl. Daher würden die Wände auch nicht kalt abstrahlen. Weil die Wände frei von Leckagen sind, zieht es auch nicht. Das Haus steuert sich zudem praktisch von alleine und sorgt für eine gleich bleibend angenehme Temperatur.


Während in herkömmlichen Häusern zudem durch das Öffnen der Fenster gelüftet wird, was große Energieverluste nach sich zieht, werden Passivhäuser mithilfe einer automatischen Be- und Entlüftungsanlage klimatisiert. Diese saugt einerseits verbrauchte Luft aus den Räumen ab und führt dem Wohnbereich zugleich frische Außenluft über ein zentral versorgtes Verteilnetz zu. Dabei lässt sich zusätzlich Energie sparen, wenn durch einen Wärmetauscher in der Anlage Wärme von der Abluft auf die Zuluft übertragen wird. Das reduziert nicht nur die Wärmeverluste durch Lüften weiter, sondern es erhöht auch die Behaglichkeit, weil die Außenluft nun vorgewärmt in die Wohnräume strömt. Da die Zuluft überdies gefiltert wird, ergibt sich ein zusätzliches Plus für den Wohnkomfort.Die Luftdichtigkeit der Gebäudehülle zählt zu den zentralen Punkten des Passivhauskonzepts. „Die Basis ist in jedem Fall eine gut gedämmte und dichte Gebäudehülle“, sagt Till Schaller, Partner im Büro schaller + sternagel architekten und zertifizierter Passivhausplaner aus Allensbach am Bodensee. Denn nur dann ist sichergestellt, dass wertvolle Wärme mit der Luft nicht durch Ritzen und Fugen entweichen kann. Ob dem am Ende wirklich so ist, lässt sich mit dem so genannten Blower-Door-Test, der auch eine Leckstellensuche umfasst, zuverlässig überprüfen. Auch ein solcher Test, so rät der VPB, sollte im Bauvertrag verbindlich festgeschrieben werden.

Wenn die Außentemperatur nicht zu niedrig ist, kann die Lüftungsanlage den Bedarf an Heizenergie vollständig decken. Ansonsten sorgt ein Nachheizsystem im Zuluftstrom für die gewünschte Temperatur. Noch mehr Heizenergie lässt sich sparen, wenn zusätzlich zum Wärmetauscher über eine Kleinwärmepumpe der Abluft weitere Wärme entzogen wird. Solche Anlagen können immer genügend vorgewärmte Zuluft liefern. Auf diese Weise sind Passivhäuser im Wortsinne nachhaltig.

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Das Thema Nachhaltigkeit hat unter Bauherren in den vergangenen Jahren immer stärker an Bedeutung gewonnen. „Früher mussten wir in diese Bereich mehr Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Till Schaller von schaller + sternagel architekten. „Die Wünsche unserer Bauherrn sind jedoch ganz verschieden: Manche Bauherren verstehen unter Nachhaltigkeit vor allem, dass das Gebäude möglichst lange steht. Für andere geht es dagegen in erster Linie um die Verwendung möglichst unbedenklicher Baustoffe im Innenraum. Oder sie haben einen möglichst geringen Energiebedarf oder ein möglichst autarkes Haus im Blick.“ Die meisten Bauherren hätten also eigentlich nur einen Teilaspekt des Nachhaltigkeitskonzepts im Blick.

„Erst ein gut geplantes Passivhaus errichtet aus nachwachsenden Rohstoffen, dessen geringer Restwärmebedarf aus erneuerbaren Energien gedeckt oder sogar überkompensiert wird und dessen Standort so gewählt ist, dass nicht zusätzliche Energieverbräuche für neu induzierten Individualverkehr hinzukommen, ist ein wirklich nachhaltiges Projekt“, so Schaller. „Am besten wäre sogar die energetische Sanierung eines Bestandsgebäudes zu einem Passivhaus, oder wenigstens die Weiterverwendung eines noch vorhandenen Kellers.“ Diesen Ansatz haben schaller + sternagel architekten tatsächlich schon bei mehreren Projekten umgesetzt.


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